This entry was posted on Jueves, Julio 8th, 2010 at 15:01 and is filed under Deutsch, Todo/All. You can follow any responses to this entry through the RSS 2.0 feed. You can skip to the end and leave a response. Pinging is currently not allowed.


Apples goldener Käfig
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Bislang habe ich noch nicht ganz verstanden, was am iPad so sensationell ist. Jahrelang haben Tablet-PCs wie Blei in den Regalen der Händler gelegen, und nun sind sie plötzlich en vogue, nur weil Apple sein eigenes Modell auf den Markt geworfen hat? Muss man ein iPad ausprobiert haben, um die Faszination zu verstehen? Oder würde das gar den Blick auf ein paar nüchterne Wahrheiten trüben?
Das iPad ist schick, trendy, technisch schlecht ausgestattet und unanständig teuer. Es kann, soweit ersichtlich, nichts, was ein Netbook oder Laptop für weitaus weniger Geld nicht ebenso gut könnte. Wenn etwa die Verlagsbranche hofft, Steve Jobs sei nun der Heilsbringer, der die Zeitungs- und Buchverlage retten wird, indem er eine neue Plattform für ihre Produkte zur Verfügung stellt, dann lässt das eine unverschämt simple Wahrheit außer Betracht: Jedes Format für E-Books und E-Papers ließe sich mind. ebenso gut auf einem handelsüblichen PC oder Mac umsetzen. Man muss sich nur darum kümmern und nicht warten, errettet zu werden. Um die Religionsmetapher auszureizen:
„Sucht mich, so werdet ihr leben.“
sagt Gott, und nicht:
„Wartet auf mich, dann komme ich, und ihr werdet leben.“
Obwohl Apple-Fanatismus in der Tat quasireligiöse Züge trägt (ebenso zuweilen auch die Ablehnung von Apple-Produkten), soll diese Ebene hiermit verlassen werden.
Ich will nicht ausschließen, eines Tages auf den Zug der Tablet-PCs aufzuspringen. Bislang aber nehme ich nur erstaunt zur Kenntnis, dass Menschen 500 Euro für einen Computer ausgeben, der über 16 GB Festspeicher verfügt und dem neben einer Tastatur so profane Dinge wie ein USB-Anschluss fehlen. Echte Mobilität? Fehlanzeige. WLAN ja, aber eine 3G-Anbindung kostet 100 Euro Aufpreis. Das teuerste Modell schlägt mit 800 Euro zu Buche und bringt mit 64 GB weniger festen Speicher mit als jedes Notebook, das gleich viel oder sogar deutlich weniger kostet.
Viele Dinge auf der Welt, für die mir die Antenne fehlt, nehme ich schulterzuckend zur Kenntnis, bevor ich zur Tagesordnung übergehe. Das iPad gehört nicht dazu. Denn es hat eine Eigenschaft, die offenbar kaum jemanden stört, und genau diese Tatsache erfüllt mich mit Sorge: Auf dem iPad kann nur installiert werden, was Apple genehmigt. Apple ist der Herr über die Apps. Nun bin ich ja zufriedener iPhone-User und diese Geschäftspolitik gewohnt. Ein iPhone aber ist kein PC-Ersatz, während sich das iPad durchaus anschickt, dem PC Marktanteile zu nehmen. Manche sprechen vom Anfang des Endes der PC-Ära. Zuerst hielt ich diese Einschätzung für abwegig, aber dann habe ich im Internet entdeckt, wie Menschen allen Ernstes behaupteten, ein iPad sei doch viel besser als ein PC. Ein paar Gedankengänge später war mir klar: Vielleicht entsteht hier wirklich eine PC-Konkurrenz. Vielleicht gibt es wirklich viele Menschen, welche die Vielfalt eines PCs oder Macs nicht zu schätzen wissen und sich nur allzu gern in einem goldenen Käfig gefangen halten lassen. Wenn aber Tablet-PCs zur Erfolgsgeschichte werden, dann wird Apple vermutlich lange Zeit die Nase vorn haben, und viele Menschen werden sich an die fragwürdige Geschäftspolitik endgültig gewöhnen. (Ich hingegen empfinde sie nun auch auf dem iPhone zunehmend als störend.) Programmierer stöhnen oft über Windows, weil es so viele Restriktionen mitbringt, die quelloffene Betriebssysteme nicht haben. Gegen ein iPad ist Windows aber wohl ein Entwicklerparadies! (Und das war jetzt wirklich die allerletzte Religionsmetapher.)
An zwei Beispielen möchte ich darlegen, welche Konsequenzen ich befürchte, wenn sich Apple mit seiner App-Politik breitmacht. Zum einen entsteht eine längst überwundene Abhängigkeit etwa der Verlagshäuser. In Deutschland, erst recht in den USA, aber auch in manch anderen Ländern sind Meinungs- und Pressefreiheit ein hohes und teures Gut. Schon die Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte in Frankreich von 1789 bezeichnet die Meinungsfreiheit als
„un des droits le plus précieux de l’homme“
Wenn aber Apple bestimmt, welche Zeitung über sein Produkt publizieren kann und zu welchen Konditionen, entsteht eine Abhängigkeit, die deutliche Verluste der wirklichen Presse- und Meinungsfreiheit besorgen lässt. Nicht durch den Staat, nicht in einer Art und Weise, die aktuellem Recht entgegenstünde. Aber faktisch und mit großen Gefahren. Wollen wir wirklich Zeitungsverleger von Steve Jobs Gnaden? (Diese Metapher ist pseudoreligiös und zählt darum nicht.)
Die Abhängigkeit auch der User bekomme ich selbst derzeit deutlich zu spüren. Auf meinem iPhone verwende ich eine App namens MyKeePass. Mit ihr kann man usereigene Passwort-Datenbanken anlegen, verschlüsselt speichern, verwalten und vor allem auch betrachten. Das Format dieser Datenbanken kann auf vielen Plattformen mit entsprechenden Programmen verwendet werden, etwa mit KeePass unter Windows und mit KeePassX unter Linux. Auch Android, PalmOS und andere sind geeignet. Ich nun benutze MyKeePass, um ständig alle Passwörter mit mir zu führen und sie überall zur Verfügung zu haben. Sie sind nämlich alle sehr kompliziert, bestehen aus langen und willkürlichen Folgen von Buchstaben, Ziffern und Zeichen, und man kann sie sich unmöglich alle merken. Da das iPhone vor unbefugtem Zugriff geschützt ist und man mit der Passwort-Datenbank ohne Kenntnis des Schlüssels (also des Passworts für die Ver- und Entschlüsselung) ohnehin nichts anfangen kann, ist das eine wirklich ganz feine Sache.
Die einzigen aber, die derzeit mit KeePass-Datenbanken in die Röhre schauen, sind iPhone-User. Seit das iPhone eine neue Version des Betriebssystems spendiert bekommen hat, lässt sich MyKeePass nicht mehr vollständig benutzen. Es ist nicht mehr möglich, die Datenbank über WLAN vom PC auf das iPhone zu kopieren. Allein der Umweg über das Internet ist noch möglich. Der Entwickler teilte mir heute auf Anfrage Folgendes mit:
„ I have submitted a fix to apple for this problem. You can download an updated version in a few days.”
Das Update ist also da, aber ohne Apples Freigabe kann es nicht geladen und nicht installiert werden. Das ist schlimm genug, wenn man sich auf seine Datenbank auch unterwegs verlässt und darum auch nicht ein paar Tage oder Wochen darauf verzichten kann. Es kann aber auch noch viel schlimmer kommen. So gibt es eine weitere App namens iKeePass, welche die Entwickler vor geraumer Zeit an Apple geschickt haben, und die Apple bislang allein für die USA freigegeben hat. Nicht diese Verzögerungen sind es, die mich mit Sorge erfüllen, sondern die dadurch offenkundig werdende Tatsache, welche Machtposition Apple innehat. Und genau diese Macht will ich dort nicht sehen, wo sie, wenn vielleicht auch nur zum Teil, die gute alte und weitgehend freie PC-Technik ersetzt.
Das iPhone mag weiterhin eine große Zukunft haben. Ich selbst werde mittelfristig eine Alternative wählen. Das wird aller Voraussicht nach das quelloffene Android sein. Meine Hoffnung aber, dass sich sehr viele Menschen gegen die Restriktionen von Apple wehren werden, ist gering.
One Response to “Apples goldener Käfig”
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Agosto 29th, 2010 at 12:14
Ich kam dem nur vollständig zustimmen. Mir sind die Parallelen zwischen Fanatismus und der Apple - Kontroverse auch schon länger aufgefallen.
Ich schätze Apples Willen zum Fortschritt, der Preis dafür ist aber um einiges zu hoch.
Android scheint dagegen am ehesten bestehen zu können.